Ach, wie gut,

dass niemand weiß …

Rumpelstilzchen
– ein Märchen der Gebrüder Grimm –

In dieser ersten Folge von „Datenschutz kinderleicht” erfahren wir,
wieviel Schutz (und manchmal sogar Macht!) darin liegen kann,
dass ich jemandem meinen Namen nicht verrate –
oder umgekehrt: dass ich von jemandem den Namen weiß.

 

Es war einmal ein Müller, der war sehr arm, aber er hatte eine wunderschöne Tochter. Nun traf es sich, dass er mit dem König zu sprechen kam, und um sich ein Ansehen zu geben –

Ein blumiges Ornament aus grünem Schmiedeeisen

Der Müller sprach also zum König: „Ich habe eine Tochter, die so geschickt ist, dass sie Stroh zu Gold spinnen kann.“

Ein Topf voll mit funkelndem Gold

Der König sagte zum Müller: „Das ist eine Kunst, die mir wohl gefällt. Wenn deine Tochter so geschickt ist, wie du sagst, dann bring sie morgen auf mein Schloss, da will ich sie auf die Probe stellen.“

DingDongLied

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Als nun das Mädchen zu ihm gebracht, führte der König es in eine Kammer, die ganz voll von Stroh ward, gab ihr eine Spindel und sagte zu ihr: „Mach dich an die Arbeit, und wenn du dieses Stroh morgen früh nicht zu Gold versponnen hast, so musst du sterben.“ Da saß die arme Müllerstochter nun und wusste nicht ein noch aus. Sie wusste nicht, wie Stroh zu Gold versponnen werden konnte, und ihre Angst ward so groß, dass sie bitterlich zu weinen anfing.

Zwei dicke Tränen

Da ging auf einmal die Türe auf, und ein kleines Männchen trat in ihre Kammer und sprach: „Warum weinst du denn so sehr?“

„Ach“, antwortete das Mädchen, „ich soll Stroh zu Gold spinnen und weiß nicht, wie das geht.“ Da sprach das Männchen: „Was gibst du mir, wenn ich das Stroh für dich zu Gold spinne?“

„Ich gebe dir alles, was ich habe. Ich gebe dir mein Halsband und meinen Ring“, sagte das Mädchen.

Eine goldene Kette

Der König freute sich sehr. Am nächsten Abend ließ er die Müllerstochter in eine noch größere Kammer führen, die vom Boden bis zur Decke mit Stroh gefüllt war, und sagte: „Wenn du in dieser Nacht aus all dem Stroh Gold spinnen kannst, so will ich dich zur Frau nehmen.“

Die schöne Müllerstochter wusste nicht ein noch aus. Wie sollte sie all das Stroh zu Gold spinnen? Und das in nur einer einzigen Nacht? Und so weinte sie bitterlich.

Als das Mädchen allein war, kam das Männlein wieder zu ihr und sprach: „Was gibst du mir, wenn ich dir noch einmal helfe und das Stroh zu Gold spinne?“ – „Ich habe nichts mehr, das ich geben könnte“, antwortete das arme Mädchen.

Ein blumiges Ornament aus grünem Schmiedeeisen

„So versprich mir, wenn du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Die Müllerstochter wusste sich in ihrer Not nicht anders zu helfen, und so versprach sie dem Männchen, was es verlangte, und das Männchen verspann dafür noch einmal das ganze Stroh zu reinem Gold.

Und als am Morgen der König kam und alles voller Gold fand, nahm er die schöne Müllerstochter zur Frau, und so ward sie Königin.”

 

 

Übers Jahr wurde der Königin ihr erstes Kind geboren,

Abdruck eines Paars Kinderfüße

und in ihrer Freude dachte sie nicht mehr an das Männchen und das Versprechen, das sie ihm gegeben hatte. Doch da trat eines Abends plötzlich jenes Männlein in ihre Kammer und sprach: „Ich bin gekommen zu holen, was mir gehört. Gib mir dein neugeborenes Kind, wie du es mir versprochen hast!“ Die Königin erschrak fürchterlich und bot dem Männchen alle Reichtümer des Königreichs an, wenn es ihr nur das Kind lassen wolle.

Aber das Männchen sprach: „Du hast mir dein Kind versprochen, und das möchte ich jetzt holen.“ Da fing die Königin bitterlich zu weinen an.

Zwei dicke Tränen

Das Männchen besann sich und sagte zu ihr: „Drei Tage will ich dir geben. Wenn du bis dahin meinen Namen kennst, dann darfst du dein Kind behalten.“

Nun machte die Königin eine lange Liste mit all jenen Namen, die sie kannte. Und als am andern Tag das Männchen kam, fing sie an, ihm die Namen der Reihe nach zu nennen. „Heißest Du Kaspar? Heißest Du Melchior? Oder heißest Du vielleicht Balthasar?“, und die Königin sagte alle Namen, die sie kannte, aber bei jedem sprach das Männlein: „Nein, so heiß ich nicht.“ – „Nein, so heiß ich nicht.“ – „Nein, so heiß ich nicht.“

Am zweiten Tag schickte die Königin einen Boten los, der jeden im Königreich nach seinem Namen fragen sollte. Als am Abend das Männlein der Königin wieder erschien, sagte sie dem Männlein die ungewöhnlichsten und seltsamsten Namen auf: „Heißest du vielleicht Rippenbiest?“ „Oder heißest du Hammelswade?“ „Bestimmt heißest du Schnürbein?“. Aber immer sprach das Männlein: „Nein, so heiß ich nicht.“ – „Nein, so heiß ich nicht.“ – „Nein, so heiß ich nicht.“

Am dritten Tag kehrte der entsandte Bote zurück und erstattete der Königin Bericht, was er erfahren hatte. „Neue Namen habe ich nicht einen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldesecke kam, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus, und vor dem Haus brannte ein Feuer, und um das Feuer hüpfte ein Männlein auf einem Bein und schrie:

Ein leuchtend rotes Feuer

Heute back ich,
Morgen brau ich,
Übermorgen hol ich der Königin ihr Kind;
Ach, wie gut, dass niemand weiß,
dass ich Rumpelstilzchen heiß!”

Da könnt ihr denken, wie froh die Königin war und wie leicht ihr das Herz wurde, als sie den Namen hörte, und als das Männlein am Abend wieder ihre Gemächer betrat und fragte –

„Nun, Frau Königin, wie lautet mein Name?“, fragte sie das Männlein erst: „Heißest du Kunz?“ – „Nein, so heiß ich nicht!“ „Heißest du Hinz?“ – „Nein, so heiß ich nicht!“

„Heißest du etwa

RUMPELSTILZCHEN?

Als die Königin den Namen Rumpelstilzchen laut ausgesprochen hatte, wurde das Rumpelstilzchen ganz weiß im Gesicht und gleich danach ganz rot vor Zorn.

Ein blumiges Ornament aus grünem Schmiedeeisen

Und dann schrie das kleine Männlein: „Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt! Das hat dir der Teufel gesagt!“ und stampfte mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, dass es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in seiner Wut den linken Fuß mit beiden Händen und riss sich selbst mitten entzwei.

 

 

Die Königin aber durfte so ihr Kind behalten und lebte mit dem König und ihrer Kinderschar glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

 

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